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Vom Waldfrieden

Den Waldfrieden hatte ich selten in meinem Leben. Es ist dabei so ein eindringlicher, tief gehender Frieden, wie man ihn nur in der Natur, umschlossen vom dichten Wald, erfahren darf. Dazu braucht es nicht viel.


 

Erst einmal einen Wald. Am besten ein Wald, der vor dem Haus beginnt. Dann braucht es einen Waldweg auf weichem Waldboden. Über diesen Weg muss man dann beherzt tief und immer tiefer in den Wald vordringen, bis - beim Blick zurück - kein Zugang, keine Lichtung, kein Garten oder Haus mehr zu erkennen ist. 


 

Die wichtigste Zutat ist aber das Wasser. Ohne Wasser kein Waldfrieden in dem von mir gemeinten Sinne. Es ist der Regen, wie er auf einen dichten Blätterwald fällt, gerade so, um auf den Blättern eine leichte Vibration zu erzeugen. Ein Zittern, das sich in die Waldluft ausbreitet und dort den Duft des Waldes in Bewegung bringt. Das Wasser sammelt sich an den Blattspitzen zu Tropfen, die in dumpfen Basstönen auf den Waldboden schlagen. Und von weit oben aus den Baumkronen klingt der feine Regen wie heller Gesang.


 

So gibt es den Waldfrieden nur an einem Regentag. Und also mache ich mich gleich auf in Richtung des Waldfleckens oberhalb meiner Küste, an der ich vor Zeiten gestrandet bin. Täglich vor Augen, doch bisher noch nie so stark wie heute war das Verlangen, den Wald aufzusuchen.


 

Schon fürchte ich, bis ich oben angekommen bin, könnte der Regen ausbleiben. Doch wie ich im Wald auf einem der verzweigten Wege eintauche, da sinke ich ein wie in ein mich umschmiegendes sanftes, weiches und feuchtes Moospolster. Zwar hat der Regen nachgelassen, doch weiter spielen Wassertropfen in allen Höhen und Tiefen ihre Melodie. Dazu kommt der geheime, fast magische Reiz eines unbekannten Waldfleckens. Selbst ein einfacher Ansitz am Wegrand - aus kaum armdicken Ästen gebaut - ist in meiner Tagträumerei eine winzige Einsiedelei, eine Zuflucht, die mich vor wilden Tieren schützt oder auf der ich einfach nur sitzen, lauschen und schauen kann.


 

Mein Ding ist heute aber das Gehen auf waldigem Boden. Meine Füße stecken in den festen, halbhohen Lederschuhen, die ich mir in meinem fünfzigsten Jahr zugelegt habe. Ein Paar Schuhe, die mich bis ans Lebensende tragen sollen. Schuhe zum Vererben. Schuhe für zwei Generationen. Über Wochen hin eingelaufen, sind diese braunen Schnürschuhe jetzt wie verwachsen mit meinen Füßen.


Aus: "Entdeckungen im Raum"

erschienen in der Textwerkstatt