· 

Wie man eine Brezel macht - und dass sie lacht

Der Anblick vor mir erinnert mich an eine Szene aus Jurassic Park. Nämlich die, in der eine Hord Park-Besucher ehrfürchtig um eine Pfütze steht. Das braune Brackwasser darin ist in Wallung. Konzentrische Kreise breiten sich auf der Oberfläche der Brühe aus. Die Gruppe tritt zurück und erkennt in der Pfütze einen gewaltigen Dinosaurier-Fussabdruck. Just in diesem Augenblick kommt er dann auch daher, der Dino.

 

Meine „Pfütze“ besteht aus einer Tasse Kaffee vor mir auf dem Tisch. Ich sitze vor einem Café irgendwo in der Pfinztalstraße in Durlach. Die konzentrischen Kreise auf der kräftigen, braunen Koffein-Essenz zeigen mir, dass sich etwas gewaltiges nähert. Die Straßenbahn rumpelt auf der leicht abschüssigen Strecke heran und verursacht starke Vibrationen.

 

Diese kleinen Beobachtungen geben dem Alltag erst die Würze. Mit der nächsten Beobachtung verhält es sich ähnlich:

 

Nebenan eine Bäckerei. Das kommt mir gelegen. Ich gehe und kaufe mir bei der Bäckersfrau ein Plunderteilchen für später. Der Bäcker selbst hantiert im Hintergrund, bringt frisches Backwerk auf großen Blechen in den Laden.

 

Natürlich kann ich meine Klappe nicht halten. Ich muss das Thema einfach ansprechen: "Ihre Brezel hängt falschrum."

 

Der Bäcker stutzt. Die Frau packt gerade mein Teilchen in eine Papiertüte, rollt deren Rand zu einer Papierwurst. Meine Worte werden von dem Knittergeräusch der Papiertüte verschluckt. Bäcker und Frau zweifeln, ob sie richtig verstanden haben. Ich wiederhole also etwas lauter und ausführlicher:

"Ihre Brezel, das Schild draußen über der Tür, das hängt falsch. Die steht auf dem Kopf, die Brezel."

 

Beide schauen mich an. Dann wechseln sie Blicke untereinander. Dann ist Stille.

 

Es folgt ein Moment, in dem mir klar wird, was ich da getan habe. So muss sich der Präsident der Vereinigten Staaten fühlen, wenn er vermittels eines roten Knopfes vor sich auf dem Schreibtisch den Start sämtlicher Mittelstrecken-Atomraketen ausgelöst hat. Denn erst einmal passiert nichts. Dann bricht die Welt über ihm zusammen.

 

Der Bäcker überzieht mich mit einem Schwall fremdartig klingender Worte (ist das Durlacherisch?). Dazu gestikuliert er mit vom Mehlstaub überzogenen Armen. Das Mehl wirbelt durch die Luft. Ich entnehme dem Sinn nach, stark verkürzt und ins Deutsche übersetzt: "Jetzt fängt der auch noch damit an! Ja sind denn alle närrisch geworden!"

 

Die Frau fällt dem Bäcker - mit ähnlich derbem Dialekt - ins Wort. Ich stehe vor der Theke mit zu winzigen Schlitzen verkniffenen Augen und konzentriere mich auf die Übersetzung. Offenbar pflichtet mir die Frau bei. Sie sagt so in der Art,  das habe sie ja schon damals vor der Hochzeit zu ihm gesagt, wie schön die Brezel lachen könnte. Statt dessen habe sie diese dicke Sorgenfalte über der Stirn.

Ohne weiter auffallen zu wollen lege ich die Einszwanzig auf den Zahlteller und ziehe mich ohne hastige Bewegungen zurück. Mir ist ungut. Offenbar habe ich einen über Jahrzehnte hin schwelenden Brand unter Eheleuten wieder auflodern lassen. Durch das Schaufenster sehe ich wie drinnen eifrig Brezel-Knoten mit den Fingern in die Luft gemalt werden. Mal so herum, mal anders herum. Ohne Absicht habe ich an diesem wundervollen Tag die bittere Saat der Zwietracht ausgebracht. Und sie ist aufgegangen.

 

Aber mal ehrlich: die Brezel hängt doch echt falsch herum, oder?